Elektro-SUV Nio ES8 Akku, wechsel' dich!

In China kommt die Elektrorevolution ins Rollen. Nun will der E-SUV Nio ES8 die Kunden mit Wechselakkus und schnellen "Ladezeiten" betören. Die Idee ist smart, aber nicht ohne Risiko.

Tom Grünweg

Aus Badaling berichtet


Das große Problem der Elektromobilität löst Tim Hu ganz pragmatisch: Er ist technischer Betreuer aus dem Presseteam des chinesischen Start-Ups Nio, und als der Akku des Elektro-SUV ES8 alle und keine Ladesäule greifbar ist, lässt Hu einfach neuen Strom kommen. Im "Charging Van", einem Kastenwagen, den Hu mittels App bestellt hat. Die riesige Batterie im Heck des Transporters spendet binnen zehn Minuten Strom für 100 Kilometer.

Nun ist ein Van, der Strom an entlegene Orte fährt, ganz sicher kein nachhaltiges Konzept einer Reichweitengarantie. Deswegen ist diese Lösung im Geschäftsmodell von Nio auch nur ein Randaspekt. Kern ist - neben den Fahrzeugen - ein anderes Prinzip. Und zwar ein bereits Bekanntes. Der israelische Visionär Shai Aggassi hat es mit seiner Firma "Better Place" schon vor Jahren propagiert: Der Wechselakku. So, wie man es von ferngesteuerten Autos kennt, wollte er bei richtigen Elektroautos leere Akkus gegen volle tauschen, statt länglich laden zu müssen.

Agassi war damals wohl seiner Zeit voraus. Kaum ein Hersteller wollte ihm dafür ein passendes Fahrzeug mit entsprechenden Batterien bauen. Irgendwann ging ihm dann das Geld aus. Nio-Gründer William Li hat sich davon nicht entmutigen lassen. Er hat Agassis Technik dezent optimiert und seine Autos auf alle Eventualitäten vorbereiten lassen.

Gute Ausstattung und gar nicht billig

Apropos Autos: Mit quietschenden Reifen jagt der Nio ES8 über die Rennstrecke von Badaling, einem kleinen, 1,5 Kilometer langen Rundkurs eine halbe Stunde außerhalb von Peking am Fuße der Chinesischen Mauer. Die Fahrleistungen des Elektro-SUV sind beeindruckend: Von Null auf 100 in 4,4 Sekunden, Schluss ist erst bei 200 Km/h.

Immerhin soll der 5,02 Meter lange Geländewagen gegen Autos wie den Tesla Model X, den Mercedes EQ C, den Jaguar i-Pace und den Audi e-tron antreten. Gute 2,5 Tonnen wiegt der Wagen, bei konstant 60 km/h sollen die beiden zusammen 480 kW und 840 Nm starken Motoren ihn mehr als 500 Kilometer weit vorantreiben. Im NEFZ-Zyklus sind es immerhin noch 355. Und das, obwohl die Akkus mit einer Kapazität von 70 kWh zum Teil deutlich kleiner sind als bei der Konkurrenz, zum Beispiel 100 kWh beim Model X.

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Nio ES8: Wechselakku-SUV aus China

Vor vier Jahren erst wurde Nio gegründet, den ES8 gibt es erst seit Juni 2018 im Handel. Rund 57.000 Euro aufwärts kostet der SUV, der mit allerhand Annehmlichkeiten wie einem Loungesessel für den Beifahrer, einem Luftfederfahrwerk von Continental bis hin zum digitalen Assistenten "Nomi" mit seinem charmanten Augenzwinkern ausgestattet ist. Rund 10.000 Exemplare wurden bislang verkauft.

Die wirkliche Innovation wartet unter dem Wagenboden. In der Stadt zapft der ES8 den Strom ganz normal an der Steckdose oder der Ladesäule, auf dem Land kommt der Charging Van. Sollen mit dem ES8 Langstrecken absolviert werden, kommt der Clou zum Tragen: Der Wechselakku, der an einer entsprechenden Station getauscht werden kann.

"Die kann man sich vorstellen wie eine Waschanlage", beschreibt Pressesprecher Hu das Prinzip: Man stellt sein Auto davor ab, es wird hineingefahren, dann bockt von unten eine Hebebühne den Wagen auf. Anschließend surrt ein Roboter heran, hebt eine Plattform unter den ES8, löst ein paar Schrauben, lässt das riesige Batteriepaket herausgleiten, legt es in ein Laderegal und greift von dort einen vollen Akku-Pack, der auf dem gleichen Weg wieder in den Wagen kommt. "Aktuell brauchen wir für den Wechsel noch etwa fünf, später sollen es mal drei Minuten sein und wenn der ES8 mal einen Autopiloten hat, macht er das sogar ganz alleine," sagt Pressesprecher Hu.

Das klingt alles ganz wunderbar, doch die Wirklichkeit sieht bislang so aus: In ganz China mit immerhin knapp 150.000 Kilometern Autobahn gibt es bislang nur 18 solcher Ladestationen, und auch nur entlang des G4 Expressways von Peking nach Macao. Und an diesen 18 Stationen werden jeweils fünf Akkus bereitgehalten. Hu ficht das nicht an: Er sagt, Nio wolle bis 2020 immerhin 1000 solcher Stationen aufstellen.

Immense Kosten für den Hersteller

Der Aufwand könnte sich lohnen, lobt Andreas Radics vom Strategieberater Berylls in München: "Der Wechselakku ist aktuell der einzige Weg für eine wirklich schnelle Ladung von Elektrofahrzeugen". Selbst an den Superfast-Charging-Stationen stehe der Kunde signifikant länger, als er es heute von konventionellen Tankstellen gewohnt sei. Und dieses Problem potenziere sich in Stoßzeiten, insbesondere an den Hauptrouten während der Urlaubszeit.

Es gibt aber auch Nachteile bei diesem Konzept. Zwar könne mit dem Wechselakku eine schnelle und zuverlässige Lösung für die Langstrecke geschaffen werden, sagt Radics. Allerdings müssten für die nötige Flexibilität deutlich mehr als nur fünf Akkus je Station bereitgehalten werden und damit entsprechend viel Kapital gebunden werden. "Schließlich ist der Akku noch immer der Hauptkostenblock des Elektroautos", sagt Radics.

Ein Blick in die Nio-Preisliste gibt ihm recht: Wer den ES8 ohne Akkus bestellt und die Batterien stattdessen least, bekommt das Auto rund 13 000 Euro günstiger. "An diesem Grundproblem hat sich seit 'Better Place' nichts geändert". Zudem ist der Akku nicht nur das teuerste, sondern auch das am wenigsten umweltfreundliche Bauteil des Autos, weil bei der Produktion viel CO2 freigesetzt wird und die Entsorgung ungeklärt ist. All diese Nachteile nimmt beim Akku-Wechselmodell der Hersteller in Kauf.

Tom Grünweg

Außerdem ist Nio mit seinem System auf sich alleine gestellt: "Es ist höchst fraglich, ob der Wechselakku herstellerübergreifend eingesetzt werden kann", sagt Radics: Die Batterien seien viel zu tief in Konstruktion und Struktur eines Autos eingebettet, als dass sich verschiedene Hersteller dort auf einen Standard einigen würden. "Somit dürfte eine ausreichende Auslastung der Akkustationen fraglich sein."

Radics hält die Wechselakkus deshalb allenfalls für die zweitbeste Lösung. Er plädiert stattdessen für ein dichtes Netz aus Schnell- und Superschnellladestationen wie sie etwa Porsche und Audi gerade plane: "Weil da eine Standardisierung viel einfacher umzusetzen ist, können mehrere Hersteller gemeinsam an einer Infrastruktur beteiligt sein."



insgesamt 245 Beiträge
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Seite 1
salomohn 09.02.2019
1. Merkwürdig
Wenn jemand mit hohem Aufwand eine Technik wie den Wechselakku entwickelt und produziert, muss er die Rahmenbedingungen für die Zukunft kennen. Evtl. schon Allianzen besprochen haben. Vermutlich kommen weitere Hersteller mit dem Konzept. Zum Test: interessieren noch IRGENDJEMANDEN Beschleunigungswerte???
schuppi 09.02.2019
2. Überbewertet
Ein milliardenschweres chinesisches Start-up baut Geländewagen mit Wechselakkusystem. Soweit so gut, aber wird dadurch auch nur ein einziges der aktuellen Probleme gelöst? Weder trägt das 2,5 Tonnen Ungetüm zu weniger Verkehr bei, noch ist der Betrieb ökologisch vertretbar. Ziel Nios ist es, der chinesischen Mittel- bis Oberschicht ein Statussymbol mit grünem Anstrich zu verkaufen. Die wirkliche Revolution in China findet durch die Elektrifizierung der Millionen Kleinstwagen statt. Hier sind Unternehmen wie Kandi oder Baojun zu nennen. Nur gibt's dann keine tollen Fotos von tonnenschweren SUVs und deutlicher weniger Glitzer und Tamtam.
ralfix 09.02.2019
3.
Auf jeden Fall ist Deutschland nicht mehr Trendsetter. Unsere hoch bezahlten Manager haben die Entwicklung arrogant verschlafen. Scheint aber ein Grundproblem großer einst erfolgreicher Konzerne zu sein, dass man irgendwann nur noch teuer verwaltet und sich im Glanz früherer Jahre spiegelt. Man könnte auch von Schönwetter-Managern sprechen.
karlo1952 09.02.2019
4. Wo ist hier die Elektrorevolution?
Auswechselbare Akkus vor dem hier bereits seit Jahren Techniker und Foristen. Endlich versucht es mal ein Hersteller und dann ist es eine Revolution. Hauptsache man hat eine aufbauschene Headline.
kaiosid 09.02.2019
5.
Zitat von ralfixAuf jeden Fall ist Deutschland nicht mehr Trendsetter. Unsere hoch bezahlten Manager haben die Entwicklung arrogant verschlafen. Scheint aber ein Grundproblem großer einst erfolgreicher Konzerne zu sein, dass man irgendwann nur noch teuer verwaltet und sich im Glanz früherer Jahre spiegelt. Man könnte auch von Schönwetter-Managern sprechen.
würde ich so nicht unbedingt sehen. Im Artikel steht, dass die deutschen Hersteller an Schnellladetechniken arbeiten und dass Mercedes ein Konkurrenzmodell hat. Also alles nicht so schlecht.
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