Beat Generation Die rastlosen Vorväter der Hippies

Sie liebten Literatur, Jazz und Drogen, sie tanzten in Nachtklubs und feierten junge Autoren wie Helden. Bilder des Magnum-Fotografen Burt Glinn zeigen das ungestüme Leben früher Hippies, als sie noch Beatniks hießen.

Burt Glinn / Magnum Photos / Agentur Focus

Von


In der Seven Arts Coffee Gallery war die Hölle los: Gerade hatte Beatpoet Gregory Corso vor einer begeisterten Menge sein Gedicht "Gasoline" gelesen, nun tanzten Pärchen zum treibenden Sound einer Jazzcombo, der Besitzer des Ladens hielt sich schwer betrunken am Hals eines Mädchens fest. Und der abgerissene Typ dort hinten mit Barett und zerzausten Haaren, der wie wild auf einen Unbekannten einredete - war das nicht Jack Kerouac, der Autor von "On the Road"?

Zum Glück war mit Magnum-Fotograf Burt Glinn ein Mann vor Ort, der den Wahnsinn festhielt. Seine Fotos der Beatniks, meist nachts geschossen, zeigen eine rastlose Subkultur auf ihrem Höhepunkt, ein Kaleidoskop der Nachtgestalten, irgendwo zwischen Aufbruch und Melancholie.

Glinn, seit 1951 bei der legendären Fotoagentur Magnum unter Vertrag, schoss seine erste Fotoserie über die New Yorker Beatszene 1957 für das Magazin "Esquire". Ein aufregendes Jahr für den 31-Jährigen: Erst hatte er Queen Elizabeth bei ihrem New-York-Besuch abgelichtet, dann hielt er an der Little Rock Highschool fest, wie die Nationalgarde neun afroamerikanische Studenten vor einem wütenden Mob schützen musste.

Als ihn "Esquire" in die Bars von Manhattan schickte, grassierte dort ein neues Fieber: die Beatliteratur. Eine aufgekratzte Prosa, die das Rumtreiberleben verherrlichte und einen rastlosen Lebensstil propagierte, angeheizt von den hektischen Melodien des Bebop und einer Handvoll Benzedrintabletten.

Dichtung wie ein Jazz-Drumsolo

Gerade war mit "On The Road" das Manifest der Beat Generation erschienen: Schriftsteller Jack Kerouac erzählte von einem Trip durch die USA und Mexiko, von Abenteuern mit Frauen und bewusstseinsverändernden Drogen. Das Manuskript hatte er auf einer langen Rolle aus zusammengeklebtem Zeichenpapier geschrieben; so sollte der Seitenwechsel seinen wahnhaften Schreibfluss nicht unterbrechen.

Fotostrecke

20  Bilder
Beat Generation: Klub der dichten Dichter

Dieser neue, atemlose Sound klang wie eine Befreiung in der Eisenhower-Ära, und er versprach einen Gegenentwurf zum repressiven Klima, das der Kalte Krieg in Amerika verbreitete, und zum Wohlstands-Suburbia, in dem es sich der Mainstream behaglich gemacht hatte.

Glinns Fotos, gerade in einem Bildband erschienen, zeigen eine ungestüme, glühende und doch irgendwie verlorene Jugend. Sie nehmen den Betrachter mit auf wilde Privatpartys, in Lofts, Künstlerwohnungen und die Nachtklubs des Greenwich Village.

Ein Glas in der Hand, Jazz im Ohr

Das natürliche Habitat der Beat Generation aber war das Café: White Horse Tavern, Gaslight Café oder die Seven Arts Coffee Gallery - hier saß der Beatnik mit junger Dame an der Seite, oder einsam mit sehnsuchtsvoll in die Ferne wanderndem Blick. Ein wenig abgerissen musste man schon ausschauen: Zur Uniform gehörten Sakko, Ziegenbärtchen und Barett, und selbst in der Dunkelheit eines verrauchten Jazzkellers trug man Sonnenbrille.

Möglichst lässig lehnten die Nachtschwärmer in den Bars, immer ein Glas in der einen Hand und eine Zigarette in der anderen. Denn geraucht und getrunken wurde ständig. Lieblingsgetränk der Beatniks sei der mulled wine, eine Art Glühwein, notierte Glinn. "Um Mitternacht ist am meisten los. In ruhigeren Momenten liest ein Dichter seine Verse zur Musik. Bis vier Uhr früh herrscht in der Bar Hochbetrieb."

ANZEIGE
Tony Nourmand, Michael Shulman (Hrsg.):
The Beat Scene

Photographs by Burt Glinn, Essay by Jack Kerouac

RAP Reel Art Press; 160 Seiten; 26,40 Euro.

Der Soundtrack zu diesem Lebensgefühl war der Bebop. Die improvisierten Melodien der wetteifernden Instrumente, die ungezähmte Energie - all das hatte die Beatliteraten erst zu ihrem Schreibstil inspiriert. "Für die Beats ist Jazz fast so etwas wie Essen oder Trinken", schrieb Glinn unter eine grandiose Aufnahme, die zwei Musiker beim Schachspiel zeigt, das Instrument nachlässig im Hintergrund abgestellt.

1959 war der Magnum-Fotograf wieder in den Nachtklubs von New York unterwegs, diesmal für das Holiday Magazine. Er illustrierte einen Essay von Jack Kerouac ("And this is the beat nightlife of New York") über einen typischen Abend im Leben eines "Beats": kein Geld in der Tasche, aber große Träume. Man drückt sich in den günstigen Restaurants am Times Square herum, wo schwarz und weiß unter dem Neonlicht beisammen sitzen, vertieft in philosophische Gespräche, aus der Jukebox dudelt orientalische Musik. Man kramt nach ein paar Pennies für die Telefonzelle und zieht das Gespräch in die Länge, weil es drinnen so schön warm wird.

Wegen Obszönität verboten

Später kauft man an einer düsteren Straßenecke Drogen und taumelt in eine Kellerbar, wo betrunkene Saxophonspieler herumlungern und junge Männer, die sich vor dem Militärdienst drücken. "Dies ist das Zentrum der größten Stadt, die die Welt je gesehen hat", schreibt der Beat-Prophet in seinem getriebenen Duktus. "Und dies ist es, was Beatniks hier tun."

Poeten wie Kerouac waren die Helden der Szene, junge Männer, rauschmittelerprobt, vom Ruch des Abenteuers umwehte Großstadtnomaden. Denn gewissermaßen handelte es sich bei der "Beat Generation" ja um eine literarische Jugendbewegung. Gedichtlesungen konnten ein ganzes Lokal füllen, das Publikum lauschte gebannt Texten, die nur in einem handkopierten Untergrundmagazin erschienen waren.

"On The Road" hatte ein Genre begründet, Kerouac war zur zentralen Figur der Beatszene aufgestiegen. Glinns Fotos zeigen den Autor, wie er im langen Mantel und mit aufgedunsenem Gesicht durch die Cafés geistert, mal überschwänglich am Kneipentisch, mal frühmorgens an einer Bar. Nachwuchsautoren wie der hitzköpfige Gregory Corso lasen nun in den verrauchten Kellerbars von Greenwich Village; eine Bildserie zeigt ihn in einem Handgemenge, man hält ihn zurück, als er einem Journalisten an die Gurgel will.

Und da war Allen Ginsberg, der 1956 mit seinem Gedicht "Howl" für einen Skandal gesorgt hatte. Wegen "Obszönität" waren Ginsberg und sein Verleger verhaftet worden, das Gedicht wurde verboten. Dann urteilte ein Richter in einem viel beachteten Prozess, dass "Howl" unter die künstlerische Freiheit falle. Ein Schwarzweißfoto zeigt Ginsberg und Gregory Corso mit dem Eigentümer des Underground-Verlags Grove Press. Gemeinsam sitzen sie auf einer Parkbank, ein Manuskript auf den Knien, breites Grinsen allenthalben, man scheint etwas auszuhecken.

Zen und LSD

Ein Jahr später, 1960, experimentierte man an der Westküste bereits mit neuartigen Drogen und fernöstlichen Musikinstrumenten - die Flower-Power-Jahre warfen ihre Schatten voraus. Glinns Fotos aus San Francisco zeigen die Proto-Hippies bei Kunstperfomances und in Kellerstudios, es wird bereits auf dem Boden gegessen. Fernöstliche Philosophien waren das Ding der Stunde: "Herr und Frau Roger Summers, die ihr Zen sehr ernst nehmen, entspannen sich an ihrem japanischen Schrein, den sie selbst zusammengebaut haben", kommentierte Glinn ein Bild.

Verantwortlich für das aufkeimende Interesse am Spirituellen war vor allem der Religionsphilosoph Alan Watts. Auf einem Foto spricht der Hohepriester des Zen-Buddhismus japanische Haikus in ein überdimensionales Verstärkerhorn, Musiker knien auf dem Boden, einer spielt ein orientalisches Saiteninstrument. Jazz war in der Musikszene von San Francisco schon ein alter Hut, die experimentierfreudigen Sechziger kündigten sich an.

Und auch die sexuelle Befreiung war in vollem Gange, Schluss mit der Prüderie: "Ein Mädchen tanzt in Slip und BH. Offenkundig fand sie Kleidung zu beengend", notierte Glinn leicht konsterniert unter einem Bild und fügte hinzu: "Sobald ich konnte, habe ich sie dazu bewegt, sich wieder anzuziehen."

Mit sympathisierender Distanz blickte Glinn auf den Zirkus, der sich da vor seiner Linse abspielte, und schrieb, die Beatniks seien ein "zigeunerhafter Haufen, übergeschnappt und zivilisiert zugleich". Nur wenige Jahre später sollten sie hinausklettern aus ihren Kellerlöchern und die Straßen von San Francisco erobern, lauter, bunter und mit dem Anspruch, die Welt zu verändern. Nur dass man sie dann unter einem anderen Namen kennenlernte: Hippies.

insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Jonathan Fest, 06.12.2018
1. Was für eine oberflächliche Abhandlung
Schon (fast ein bisschen) lustig, wie jetzt bzw. schon seit einigen Jahren die Geschichte der Beatniks umgeschrieben wird. Schon die Tatsache, dass ein Artikel über die Beats ohne den Namen William S. Burroughs auskommt, zeigt Leuten, die sich damit auch nur ein bisschen auskennen, das hier maximal an der Oberfläche gekratzt wird. Ginsberg, Kerouac - beide haben immer wieder betont, dass Burroughs der "Lehrer" der Bewegung gewesen sei, der "Mentor". Ohne ihn hätte es die Beats so nie gegeben, Burroughs soll - das sagt nahezu jeder "Insider" - die theoretischen Grundlagen gelegt und allen das argumentative Rüstzeug mit auf den Weg gegeben haben. Schade, dass seit einigen Jahren nun auch das Werk von Burroughs so ignoriert wird. Vielleicht, weil es nur selten politisch korrekt ist, dabei aber doch so wichtige Dinge sagt? Insbesondere ist das aber so verwunderlich, weil man die Werke der gesammelten Beat-Autoren ja mal nebeneinanderlegen und vergleichen kann. Das ist natürlich immer auch subjektiv - aber rein sprachlich kommt ja niemand von den anderen an die Sprachgewalt von Burroughs heran. Und zwar nicht mal annähernd. Nicht falsch verstehen: Ich mag Kerouac und lese ihn auch gerne. Aber wenn ich das mal qualitiativ einsortieren sollte, dann kommt mMn Burroughs (vom sprachlichen Handwerkszeug gesprochen) kurz vor oder hinter Shakespeare. Kerouac ist unterhaltsam und interessant, aber ist von den Top Ten dann doch ein gutes Stückchen entfernt. Aber das sehen andere sicherlich anders. Vielleicht sehen aber auch die, dass die Rolle von Burroughs nun nachträglich kleiner gemacht wird als sie war. Zu Unrecht!
Emil Peisker, 06.12.2018
2. Einige Bemerkungen..
Die Rolle von Burroughs wird nicht erwähnt, weil der Autor ihn wahrscheinlich nicht kennt. Auch seine Bemerkung, dass die Beatniks später als Hippies aus den Kellern krochen, ist einfach Blödsinn. Die Hippies waren schon eine andere Generation, sie hatten nicht die Vorstellungen vom Leben wie die Beatniks. Die Welle der Beatniks erreichte Ende der 50er, Anfang der 60er Europa. Jazz war immer noch die Musik, und Jean-Paul Sartre, der Begründer des Existenzialismus wurde stark beachtet. Und auch hier ist zu erkennen, die Hippies waren keine bekehrten Beatniks, sie hatten wenig miteinander gemein. Als die Beatles bekannt wurden, blieben wir beim Jazz. Und auch die Lebensvorstellungen waren sehr unterschiedlich. Über die Art wie Drogen konsumiert wurden, will ich lieber nichts schreiben, meine Enkel könnten es lesen:-) p.s. Anfang der 70er hatte ich die Gelegenheit "meinen" Philosophen in Paris kennzulernen. Sartre kam von einer Reise aus Vietnam zurück und ich war zu diesem Zeitpunkt mit einer französischen Schauspielerin liiert. Sie nahm mich mit auf eine Party, die in Sartres Haus gegeben wurde. Das Gespräch dann ein anderes mal...
Jonathan Fest, 06.12.2018
3. @Emil Peisker
Leider schaffe ich es nicht, per Zitatfunktion zu antworten. Dann eben so... Ja, Sie haben vollkommen Recht! Zu behaupten, die Beatniks wären dann irgendwann in den Hippies aufgegangen, ist tatsächlich nicht korrekt. Richtig wäre vermutlich diese Vermutung: Ohne die Beatniks hätte es die Hippies nicht gegeben. Das dadurch beide dasselbe sind oder die einen die Nachfolger der anderen ist natürlich Unsinn. Wichtig finde ich auch die Rolle von Sartre und Camus - zumindest für europäische Beatniks. Existentialismus und Beat hängen in jedem Fall deutlich enger zusammen als Hippies und Beat. Wobei Camus auch in den USA bekannt war und eine Rolle gespielt hat. Sartre nicht so sehr. Wie unglaublich, dass Sie ihn persönlich getroffen haben! Da war ich zwar noch nicht geboren, trotzdem beneide ich Sie darum. Das Gespräch würde mich in der Tat interessieren. DIese Zeit muss einfach sehr interessant gewesen sein. Literarisch war sie aus meiner Sicht bisher die letzte große Kunstepoche, die wirklich Erwähnung finden müsste. Ich hoffe, da kommt in Zukunft noch einmal etwas Frisches und nicht nur der weichgespülte Besinnungsaufsatz-Mist von heute.
Rüdiger Grothues, 07.12.2018
4. #1 Jonathan Fest
Der Einschätzung stimme ich zu. Aber Burroughs dürfte selbst heute kontroverse Reaktionen hervorrufen vor allem damit, wie er (seine) Süchte, Drogenpotenziale und -risiken, Homosexualität, Techniken der Machtausübung und Kontrolle und so weiter und so fort betrachtete und erörterte. Und vermutlich würde er, auf Zeitreise im Jahre 2018 angekommen, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Rüdiger Grothues, 07.12.2018
5. #2 Emil Peisker: Das gilt nicht!
"Sie nahm mich mit auf eine Party, die in Sartres Haus gegeben wurde. Das Gespräch dann ein anderes mal..." Wie der Cliffhanger in einer TV-Serie, der Szenenwechsel an der spannendsten Stelle im Buch - so geht das doch nicht... Und was die Art (und Weise) des Drogenkonsums angeht, könnten die Enkel, falls sie dies lesen, jetzt erst recht neugierig geworden sein...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.