"Climax" - Film der Woche Dieser Abgrund ist der Höhepunkt

Sex, LSD und Gewaltexzesse: Skandalregisseur Gaspar Noé verfilmt in "Climax" den kollektiven Rausch einer Tanzgruppe. Seine Philosophie dabei: niemals werten, nur zeigen. Unser Film der Woche.

Alamode

Ein heruntergekommener Ballsaal, leere Gänge mit Fototapeten, einige klaustrophobische Zimmer mit Etagenbetten. Mehr Umgebung braucht es nicht für "Climax", denn Gaspar Noés neuer Film ist reine Bewegung. Ein Reigen des Rausches, der in absoluter Leere endet.

Die Prämisse des Films: Eine Gruppe junger Pariser Tänzerinnen und Tänzer probt für eine USA-Tournee. Vor der Abreise soll noch mal kräftig gefeiert werden. Doch die selbst gemachte Sangria stellt sich als harter LSD-Cocktail heraus. Langsam realisiert die Gruppe, was geschieht. Es gibt erste Schuldzuweisungen, keiner weiß, wie lange die Wirkung anhalten und wie stark sie sein wird.

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"Climax": Kollektiver Kontrollverlust

Was folgt, erinnert am ehesten an die orgiastischen Renaissance-Gemälde von Hieronymus Bosch: Menschen kreuchen und fleuchen, winden und wurmen sich durch den Saal und die Gänge, entweder im Versuch, die psychoaktiven Geister abzufeiern oder sie loszuwerden.

Das ist allen voran eine körperliche, direkte Erfahrung. Nichts Untypisches für Noés Filme: Die sich kopfüber aalende Kamera von Benoît Debie umzingelt schwindelfrei die Berauschten, fängt ihre ungeheuer präsente Physis ein, welche immer mehr zur Trance wird. Dafür hat sich der Regisseur mit seinem Team in den Pariser Banlieues und auf YouTube umgeschaut, um die besten Tänzerinnen und Tänzer zu suchen und sie zu den Hauptdarstellern von "Climax" zu machen.

Zwischen Ethnografie und Body Horror

Ein Glücksgriff: Denn die Schauspielamateure haben offenkundig einen Heidenspaß daran, vor der Kamera zu stehen, erst quasi-dokumentarisch aus ihrem Leben zu erzählen und langsam, aber sicher durchzudrehen.

So gelingt es Noé, einen Film irgendwo zwischen Ethnographie, Musical und Body Horror zu machen. Nach dem zähen Beziehungsopus "Love" ist das ein Befreiungsschlag. Gedreht wurde in vierzehn Tagen, chronologischer Reihenfolge, ohne Script und mit kleinem Budget in einem alten Schulgebäude vor den Toren von Paris.


"Climax"
F 2018

Buch und Regie: Gaspar Noé
Darsteller: Sofia Boutella, Romain Guillermic, Souheila Yacoub
, Kiddy Smile, Claude-Emmanuelle Gajan-Maull, Giselle Palmer
Produktion: Rectangle Productions, Wild Bunch
Verleih: Alamode Film
FSK: ab 16 Jahre
Länge: 93 Minuten
Start: 6. Dezember 2018


Das Ergebnis ist - allein diese Behauptung über einen Gaspar-Noé-Film aufzustellen, wirkt waghalsig - ein Film voller Lebensfreude. Dabei fehlen seine Trademarks keineswegs: Ein Kind stirbt, einer schwangeren Frau wird in den Bauch getreten, es kommt zu allgemeinen Gewaltexzessen in dunklen Korridoren, Sex gibt es sowieso.

Vielleicht ist die Stärke von "Climax" aber einfach seine fehlende Verkopftheit. Dinge passieren einfach. Ohne Ziel, ohne Grund. Das war schon immer Noés Filmphilosophie: niemals werten, nur zeigen.

Die einzige professionelle Schauspielerin im Film ist übrigens Sofia Boutella, gleichermaßen eine Ikone des modernen Tanzes. Sie verkörpert das Gewissen der Gruppe. Eine Aufgabe, an der man nur scheitern kann. Die Intensität ihrer Performance allerdings ruft Isabelle Adjanis diabolische Akrobatik in Andrej Zulawskis "Possession" (1983) wach.

Das Ende der Coolness

Doch auch der Rest des Ensembles steigert sich in Zustände und Körperhaltungen hinein, bei denen man auch nach zweimal hinsehen nicht genau weiß oder womöglich nicht wissen will, was da gerade passiert. Der Film wird zu einer freien, assoziativen Bilderkette der Besessenheit. Das erinnert an "Les Maîtres Fous" (1956) von Jean Rouch. In dem Dokumentarfilm imitieren die Hauka, eine Bewegung kolonisierter Afrikaner, unter Trance ihre britischen Besatzer als Akt des Widerstands.

Durch eine dezidiert politische Brille sollte man "Climax" zwar nicht sehen, doch der Rausch schüttelt die anfänglichen Codes der Coolness ab. Die so solidarische wie konkurrenzbasierte Gruppe zerfällt zu verängstigten und isolierten Individuen. Auch eins von Noés Leitmotiven.

Im Video: Der Trailer zu "Climax"

Alamode

Trotz seines Titels wird "Climax" somit zu einem durch und durch antiklimaktischen Film, dessen Abspann folgerichtig am Anfang steht. Der Rausch führt nirgendwo hin, er braucht immer wieder seine zerstörerische Verwirklichung, um überhaupt zu existieren. Ein schöneres Sinnbild für Noés Kino kann es nicht geben.

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